Wie alles begann...
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Es war eine vom 3. Juni 1812 datierende Akte des Königlichen Amtes Schmolsin, die dem Autor den letzten Anstoß gab, sich intensiv mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen. In jener Akte wurde der Nachlass von Mathias Reymann unter seinen sechs Kindern und seiner Witwe Catharine, geborene Ruch aufgeteilt. Aus der Akte geht hervor, dass Mathias Reymann 1796 verstarb, sein Vater Hans Reymann hieß und Bauer in Zietzen war. Mathias Reymann lebte als Fischer in Klucken.


Wer sind die Kaschuben?

Klucken? Ist dies nicht jener Ort am Lebasee, wo die Lebakaschuben lebten, wo man lange noch die überlieferten Bräuche pflegte, mehr slawisch denn deutsch sprach? Die Neugierde des Autors war entfacht – das Studium diverser Quellen und Literatur begann. Nun steht fest: Spätestens 1774 ist der wohl in Zietzen geborene Mathias Reymann im Lebamoor angekommen. Die Akte von 1812 spricht davon, dass in jenem Jahr sein Anwesen niederbrannte. 1775 wird sein erstes Kind, Tochter Maria, in Klucken geboren. Vielleicht schon 1764 hat sich Mathias in der neuen Heimat niedergelassen, denn am 14. September besagten Jahres wird in Selesisch Moor – später Selesener Klucken – Marie Kircz getauft. Pate ist Mathis Reimann. Als eine der beiden Patinnen taucht Trine Ruchen auf, etwa die spätere Ehefrau Catharine?









Vor allen in den im Moor gelegenen Selesener und Zemminer Klucken hielt sich das Kaschubische noch sehr lange. Zu den Bewohnern - s. Foto - gehörten vor allem die Familien Czirr, Kaitschick, Kirk und Ruch. In "Seleesisch Mohr" wurden 1762 laut des Kirchenbuches von Groß Garde Hans Ruch, Christian Sawallisch, Else Sawallißen (Sawallisch) und Trin Ruchen „auf kaschubisch eingesegnet“.


Ruch(en), Kircz (Kirk), in der Urkunde von 1812 mehrmals die Nennung Kleck – Familiennamen, die Forscher als kaschubisch ansehen. Kaschuben – ihre Geschichte beginnt im 5. Jahrhundert u. Z.: Den im Zuge der Völkerwanderung gen Westen abgerückten Germanen folgen die westslawischen Pomoranen. Sie prägen mit ihren Flur- und Ortsnamen die Landschaft, z. B. Garde = Burg, Orte mit Endungen –itz wie Glowitz und –ow wie Vietkow. Mit dem späten 12., mehr frühen 13. Jahrhundert setzt der Zuzug deutscher Siedler in Pommern ein. Um 1300 beginnt diese Entwicklung auch im späteren Kreis Stolp. Zum Mittelpunkt der Neusiedler wird die 1310 gegründete deutsche Stadt Stolp. Im Ergebnis des Landausbaus Pommerns durch deutsche Siedler „entstehen“ die Kaschuben: Wer von den Pomoranen am Alten festhält, von der „neuen Zeit“ nicht berührt wird bzw. sich von ihr nicht berühren lässt, der wird zum „Kaschuben“. Dabei „wandern“ die Kaschuben: vom mittleren Hinterpommern aus mit dem Voranschreiten des Deutschen gen Osten in die späteren Kreise Bütow, Lauenburg und Stolp, letztendlich nach Pomerellen. Mit der Reformation wechseln die Kaschuben im Stolper Land zum evangelischen Glauben. Die Kaschuben im seit 1466 polnischen Pomerellen hingegen bleiben katholisch. Damit beginnt die Unterschiedlichkeit ihrer weiteren Entwicklung, die für die Kaschuben im Kreis Stolp den Verzicht der alten Sprache und Traditionen, das Aufgehen im pommerschen bzw. brandenburgisch-preußischen Staat bedeutet.

Alleinig in den entlegenden, unerschlossenen Regionen am Garder und Lebasee hält sich das Kaschubentum noch bis ins endende 19. jahrhundert, in Klucken teils noch bis nach 1900. Thomas Kantzow schreibt 1540: „Das Folck itzt gar teutzsch und sechssisch, ausgenhomen das in Hinterpommern auff dem Lande noch etliche Wenden und Cassuben wohnen. Furder ist dies Folck sehr abstorrig kegen Frembde.“ 1590 heißt es bei der Kirchenvisitation für Schmolsin: „Es wird gesucht eine tüchtige, gelehrte, sittsame in beiden Sprachen – deutsch und kaschubisch – wohlgeübte Person.“ Denn gepredigt wird zweisprachig, bis um 1700 selbst noch in Stolp. Im Kirchspiel Glowitz nehmen 1713 nur 559 Deutsche am Abendmahl teil, hingegen 3152 Kaschuben. 1737 tritt Gregor Andreas Scheer seine Stelle als Pastor im damals stark kaschubischen Leba an und berichtet: „Alles war in rohesten Zuständen und in allerhand Arten des Aberglaubens ersoffen. Der Gottesdienst fing am Sonntage höchst spät an, daher viele besoffen in die Kirche kamen, manchmal wurde nach Mittage des Sonntags Vesper gehalten.“ Auch der Pastor von Zezenow, Johann Jakob Schimansky, hat 1773 Probleme mit den Kaschuben: Die Kaschuben wollen ihren neuen Pastor nicht haben und verbarrikadieren sich vor ihm und den anrückenden Ordnungskräften in der Kirche. Diese muss mit Gewalt gestürmt werden! Lange währt auch danach noch der Streit zwischen dem Pastor und seiner Gemeinde und führt dazu, dass Schimansky aus Angst um sein und das Leben seiner Familie flüchtet. Doch dann einigt man sich: „Der Prediger habe aber darum noch lange keine Ruhe gehabt, bis ihm endlich von einem Manne, der die kassubische Sinnesart besser kannte, der Rat gegeben worden, den Frieden mit der Gemeinde durch eine halbe Tonne starkes Bier und eine reichliche Spende von Branntwein zu erkaufen, womit sie im Kruge die durstigen Kehlen spülte.“ Noch 1782 vermerkt Ludwig Wilhelm Brüggemann: „Die meisten Einwohner in den Kirchspielen Garde, Rowe, Schmolsin, Glowitz, Zezenow, Stojentin und Schurow reden die Cassubische Sprache. Die Prediger in diesen Kirschspielen müssen daher ihre Predigten und übrigen Religionsvorträge so wohl in der deutschen als cassubischen Sprache halten, so dass wenn der Gottesdienst in der einen Sprache geendet ist, der in der anderen sogleich seinen Anfang nimmt.“  Erst mit der im folgenden beschriebenen Aufsiedlung des Landes kommt es zum Aufgehen der kaschubischen Bevölkerung im modernen, deutschen Staat. Damit enden zugleich die Gottesdienste in der alten Sprache: 1832 in Schmolsin, 1845 in Groß Garde und zuletzt 1885 in Glowitz.

Die Kinder des Mathias Reymann können 1812 nicht schreiben, unterzeichnen das Testament mit drei Kreuzen. Noch 1871 sind von den 182 Frauen und Männern "in den Klucken" 81 weder des Lesens noch des Schreibens kundig. Bis über 1890 hinaus unterzeichnen manche Brautleute aus Selesener und Zemminer Klucken ihre Heiratsurkunde auf dem Schmolsiner Standesamt noch mit drei Kreuzen bzw. mit einer derart zitterigen Schrift, die mehr ein Abschreiben denn ein eigenständiges Schreiben verrät.

Die Moderne schreitet voran

Ab ca. 1720 fördert der preußische König Friedrich Wilhelm I. die Zuwanderung deutscher Siedler nach Hinterpommern. Diese sind deutsche Rückwanderer aus Polen, kommen aus Mecklenburg und Sachsen. Vor allem aber sind es die wegen ihres Glaubens verfolgten Protestanten aus Württemberg, Baden und Hessen, aber zumeist die aus den pfälzischen und geistlichen Hoheitsgebieten des Rheinlandes – die „Pfälzer“ genannt. Diese erste Siedlerwelle berührt die Region im Nordosten des Kreises Stolp wohl noch nicht. Doch um 1770 setzt auch hier der Landausbau ein: Friedrich der Große erteilt seinem Geheimen Oberfinanz-, Kriegs- und Domänenrat Franz Balthasar Schönberg von Brenckenhoff den Auftrag, das Gebiet nördlich von Schmolsin zu meliorieren. So entstehen auf einer Binnendüne das Vorwerk Brenkenhofsthal und der Brenkenhofkanal. Im Zuge der Aufsiedlung des immer noch recht menschenleeren bzw. des durch den Siebenjährigen Krieg stark verwüsteten Landes werden im Stolper und Bütower Kreis je sieben Dörfer neu gebaut bzw. werden in sieben schon bestehenden Dörfern neue Höfe eingerichtet. Die Zahl der ländlichen Kolonisten in ganz Pommern wird auf 5.312 Familien mit 26.500 Seelen berechnet, etwa sieben Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Kolonisten werden als Erbzinsleute angesetzt, ein bisher in Pommern unbekannter Status. Sie sind persönlich frei und haben keine Frondienste zu leisten.

Die „Klekken“ und die Reimanns

In dieser Zeit beginnt der Zuzug der Deutschen auch am Lebasee: 1770 ist es für  Czarnowske überliefert. Das spätere Holzkathen wird 1777 durch Brenckenhoff angelegt. 16 Büdner und 4 Hirtenfamilien werden angesiedelt. Die Siedler sind sowohl Neusiedler als auch einheimische Bewohner. In eben jene Zeit datiert auch die eingangs genannte Erwähnung des Mathias Reymann im kaschubischen Klucken. Der Name dieser Siedlung ist wohl auf deren erste Bewohner zurückzuführen: 1691 wird in Schmolsin Maria Klekken getauft, 1700 Swiatka Klekken und 1709 Hanka Klecken mit Hanss Klecken als Vater – wahrscheinlich die ersten Bewohner der späteren Klucken, sprich Hütten. 1701 wird Klucken als „Klekken“ erwähnt.

Doch was erwartet die Siedler am Lebasee außer Steuervergünstigungen, Fischrechte auf dem See und ein eigenes Stück Land? Auf jeden Fall kein sonderlich fruchtbarer Boden. So ist für 1767 von Jacob Reimann – vielleicht ein Bruder von Mathias Reymann – in Rumbke auf der Leba-Nehrung überliefert: „Sonsten hat sich der Holz- und Strandvogt Jacob Reimann vor sieben Jahren einen Katen auf der sogenannten Plitecke ohnweit Rumke erbaut, hat er eine kleine Wiese von etwa einem Fuder Heu und einen ganze kleinen Platz zum Garten, worin aber nichts wachsen wollte, indem es heller Sand wäre ... seine Nahrung sucht er in der Fischerei, hat ein Pferd, eine Kuh, ein Kalb.“ Andere Literatur führt auf: „Als die ersten Siedler hierher kamen, fanden sie ein wankendes Land voller Sümpfe, Moräste, Erlenbrüche und Moorteiche. Festland, das imstande war, sicher Haus und Stall zu tragen, spürten sie erst nach längerem Suchen und genauer Erkundung auf. Inselartig zersprengt in der Wildnis des nassen ursprünglichen Bodens lagen niedrige sandige Hügel. Inlandsdünen nennt sie heute nach ihrer windigen Entstehung der Erdkundige. Auf ihnen bauten die Einwanderer ihre Wirtschaftshöfe. Hier einen und dort einen, wo eben eine Sandbank das Moor unterbrach.“ So entstehen „in den Klucken“ neun verstreut liegende Gehöfte auf den kaschubischen Flurstellen Gorni, Grzendowi, Dambowi, Lugowi, Piaskowi, Jach, Nowidomske, Zickor und Pawelke. 1829 leben schon 35 Besitzer „in den steuerbevorzugten Schmolsiner Klucken“: Dabei wird an Familiennamen allen voran 22-mal (!) der Name Klick genannt. (Aus dem Kleck von 1812 entstanden, später auch zu Klück werdend.) Auch der Name Reimann taucht 1829 schon viermal auf. Es sind die Söhne bzw. Enkel des Mathias Reymann. Denn in (den) Klucken besteht Realteilung: Der gesamte Grundbesitz wird unter allen Erbberechtigten aufgeteilt. Das hat zur Folge, dass aus den neun Hausstellen bis 1939 genau 154 werden. Für die Reimanns auf Zickor ist dazu belegt: 1812 werden Wohnhaus und Stallungen des Fischers Mathias Reymann mit 75 Taler taxiert. Hinzu kommen 4 Morgen und 110 Quadratruten an Acker, Gärten und Wiesenäcker sowie das Vieh und Mobilien –  für zusammen 222 Taler und 18 Groschen. Davon erhalten alle sechs Kinder ihren Anteil. So die drei Mädchen jeweils zwei Kühe, fünf Schafe, einen Kasten, eine Lade, ein Bett, ein Spinnrad, einen Stuhl, ein schwarzes Kleid sowie 20 Taler in bar zur Hochzeit. (Interessant auch der Haushalt der Witwe Reymann, der wohl typisch in den Klucken war: ein Wohnhaus zu 100 Taler sowie an Viehzeug 1 Bulle, 3 Kühe und 1 Stärke. Weiterhin gehören der Witwe Stall und Wagen, 2 Fischkähne, 1 Pflug, eine Schneidelade mit Messern, 1 Stuhl, 1 Butterfass, eine Axt, 2 Grapen, 1 Kasten, 1 Spind, 1 Torf- und 1 Handspaten, 1 Beil, eine Mist- und eine Heuforke, ein Stampfeisen, eine Handmühle, 1 Spinnrad, eine Kornsense, 1 Aalspeer, 1 Zugmesser, Tengelzeug u. a. m – im Gesamtwert von 285 Taler und 18 Groschen.)

Seit 1975 steht der Friedhof von Klucken unter Denkmalschutz. So konnten nach einer vom Autor 1992 umfassend bzw. 2002 und 2003 teils nochmals durchgeführten Bestandsaufnahme 161 namentlich noch identifizierbare Grabmale erfaßt werden. Darunter auch das von Henriette Pigorsch (1823-1894) aus Vietkow. Sie heiratete den Büdner Christian Heinrich Reimann (1819-1903), einen Enkel des Mathias Reymann.
Der Friedhof in Schmolsiner Klucken entstand um 1860. Vordem fanden die Bestattungen in Schmolsin statt. Die Bewohner von Selesener Klucken durften erst ab um 1900 ihre Toten in Schmolsiner Klucken beisetzen, mußten bis dahin noch den beschwerlichen Weg zum Gottesacker in Selesen auf sich nehmen. (Obwohl Selesener Klucken ab 1837 nicht mehr zum Kirchspiel Groß Garde, sondern so wie Schmolsiner Klucken zum Kirchspiel Schmolsin gehörte.) Die Bestattungen für die Verblichenen in Zemminer Klucken fanden bis 1945 in Glowitz statt. Dieser Teil der Gemeinde Klucken gehörte zur Kirchgemeinde von Glowitz.

110 Jahre später, 1922, wird ein Teil des Nachlasses von Mathias Reymann einmal wieder mehr aufgeteilt: Ur-Urenkel Richard Reimann übernimmt den Besitz von Vater Wilhelm Reimann. Richard muss dabei seine neun Geschwister abfinden: mit Bauland für eigene Wohnhäuser, weiterhin Geldsummen in Höhe von 27.000 Mark. Das Grundstück der Reimanns selbst wird damals mit 10.000 Mark bewertet. Die Grundstücke der Bewohner der bzw. von Klucken werden durch die Erbteilungen immer kleiner, ernähren immer weniger ihre Bewohner, doch diese sind Eigentümer. (Um zu überleben, hilft die Wanderarbeit auf den Gütern, die Einheiratung der Mädchen in der Fremde bzw. oft auch die Ausreise nach Amerika.)

Das Kaschubische geht...

Gehalten hat sich trotz des Zuzugs der Reimanns und anderer fremder Siedler noch lange das Kaschubentum in den und rund um Klucken. 1856 besucht der russische Wissenschaftler Alexander Hilferding die Lebaniederung und prägt dabei den heute in Polen üblichen Begriff der Slowinzen für die Lebakaschuben: „...besuchte ich verschiedene Fischerhütten, welche sich in dem Moraste am Leba-See befinden und Kleki oder Kluki genannt werden. Besonders da, wo sich Fischer befinden und wo Dörfer mitten in Morästen liegen, hat das slavische Element viel mehr Kraft bewahrt, als in den ackerbautreibenden Ortschaften und in den leichter zugänglichen Städten.“ Hinsichtlich der Zukunft der Slowinzen mutmaßt Hilferding: „Die slavische Nationalität in Pommern (ist) in einem vollständigen Aussterben begriffen und wird ohne Zweifel in fünfzig Jahren spurlos verschwunden sein.“ Auch in den slovinzischen Fischerdörfern „ist die slavische Sprache im schnellen Abnehmen begriffen.“ In Giesebitz bekommt der Forscher von den Fischern zu hören: „In den Schulen lehrt man die Kinder alles deutsch, von den Eltern lernen sie nur ein wenig polnisch.“ In der Giesebitzer Schule werden die Kinder „für jedes Wort geprügelt, welches sie zueinander slavisch sprächen. Dasselbe gilt von der Schule in Klucken, wie ich es von den Schülern derselben selbst gehört habe.“

1886 tritt Lehrer Friedrich Stodtmeister sein Amt in Klucken an und notiert: Die kaschubische Sprache sei „namentlich bei den alten Leuten“ Umgangssprache. „Es kommt oft vor, dass Kinder bei ihrem Schulantritt kein Wort Deutsch verstehen.“ Der Völkerkundler Franz Tetzner besucht um  1895 Klucken: Nur die Familien des Lehrers und des Gastwirts sind „rein deutsch“. „Die Familie Reimann ist mit ihren vielen alt ansässigen Verzweigungen halb kaschubisch geworden“ bzw. schreibt er von „die kaschubisierten, nun wieder deutschwerdenden Reimanns“. Der kaschubische Dialekt wird noch in den Selesener und Zemminer Klucken von den alten Leuten und auch von einigen jüngeren bei der Fischerei, beim Gruß und um Deutschen unverständlich zu sein, gesprochen. 1898 vermerkt der Wissenschaftler Dr. Josef Legowski nach seinem Besuch:„... die Schmolsiner, Selesener und Zemminer Klucken mit etwa 550 Einwohnern, von denen ein großer Teil noch slovinzisch spricht oder wenigstens versteht... Die Kenntnis des Slovinzischen geht in den Klucken noch so tief, dass man sich noch in der früher gebräuchlichen Gebete und Lieder erinnert.“ Das slovinzische „Vater Unser“ sowie mehrere slovinzische Volkslieder zeichnet Legowski in Klucken auf. Am Ende seiner Reise resümiert er: „Die Zahl derer, denen die slovinzische Sprache noch bekannt war, (betrug) gegen 200.“ Allerdings relativiert er: „...dass von den 200 Slovinzen vielleicht kaum 50 noch fertig sprechen können, und auch bei diesen werden sich schon viele sprachliche Lücken finden.“ Prof. Mikolaj Rudnicki von der Universität in Krakow sucht 1911 die Überreste der slawischen Pomeranen in Pommern und stößt „nur noch in Klucken (auf) eine Gruppe älterer Personen, die die dortige Mundart im täglichen Umgang gebrauchen.“ Sonst findet der polnische Wissenschaftler vereinzelt etwas kaschubisch sprechende Leute in Groß und Klein Garde, in Wittstock und Stohentin. 1926 berichtet der Heimatforscher Siegfried Gliewe, dass 45 Personen „ihre kaschubische Muttersprache noch ganz oder teilweise beherrschen.“ In Giesebitz findet er ein Ehepaar, dass „fast ausschließlich kaschubisch untereinander spricht.“ Im gleichen Jahr erfasst der Heimatforscher Herbert Fischer die Reste kaschubischer Flurnamen und die Sprache der Fischer von Groß Garde, bemerkt zum Teil stark vom Plattdeutschen durchsetzte kaschubische Namen: „Eine vollständige Kenntnis der kaschubischen Sprache besitzen nur noch wenige Fischer. Am besten hat sie sich wohl in dem Dorfe Klucken am Lebasee erhalten. Dort sprechen noch heute einige der alten Fischer kaschubisch.“ Zwei Flurkarten mit mehr als 300, teils in ihren Wurzeln kaschubische Flurnamen fertigt Friedrich Pallas 1926 von der Gemeinde Klucken und dem Lebasee an. Er stützt sich dabei auf die Berichte von Fischern aus den Selesener Klucken. Noch um 1930 wird über den Landkreis Stolp hinaus vom „Klukisch Mann“ gesprochen – in Anspielung auf die erhaltenen Eigentümlichkeiten der Bewohner von Schmolsiner, Selesener und Zemminer Klucken. Allerdings die kaschubische Sprache ist bereits keine Alltagssprache mehr. Nur noch einige Begriffe sind gebräuchlich, von denen die Jungen zumeist nicht mehr wissen, dass dies kaschubische Bezeichnungen sind.




Die Brüder Ernst (1825-1893) und Johann Reimann (1828-1910) errichteten um 1850 ihr gemeinsames Wohnhaus. Sie sind die Söhne des im Testament von 1812 bedachten Büdners und Fischers Johann Heinrich Reimann (1792-1836) und seiner zweiten Ehefrau Christine Woggon und somit Enkel von Mathias Reymann. Bis zur Ausreise 1957 wohnten die Nachkommen von Ernst und Johann Reimann in diesem Haus. 1963 wurde darin das „Slowinzen-Museum" eingerichtet.


Eine von den polnischen Behörden am 13. und 14. 2. 1946 durchgeführte Einwohnerzählung im nunmehr polnischen Kluki verzeichnet 654 Einwohner, die als Nationalität alle deutsch angeben. Deren Vertreibung beginnt 1947. Zeitzeuge Ludwik Zabrocki berichtet für 1947: „In Kluki starb die letzte slowinzische Frau, die ihre Muttersprache noch gut kannte.“ Als die Polen ab ca. 1948 daran gehen, die Geschichte des Stolper Landes im polnischen Sinne umzuschreiben, machen sie Klucken zum Zentrum des „polnischen“ Kaschubentums im östlichen Hinterpommern. Heute gesteht Zabrocki: „Hier hatte die kaschubische Seele einen ziemlich frischen deutschen Anstrich. Die historischen Wahrheit verlangt zuzugeben, dass ich selbst auf diesem Gebiet keinen einzigen Slowinzen oder Kaschuben getroffen habe, der diese Sprache gesprochen hätte.“ Nur noch vereinzelte kaschubische Wortfetzen und Benennungen für Alltagsgegenstände in der Fischerei und im Haushalt sowie Flurnamen habe er gehört. Indes, für die polnischen Behörden ist die Hinwendung zu den Lebakaschuben bzw. Slowinzen als vermeintliche Polen Anlass, deren Ausweisung nach Deutschland zu stoppen. Die verbliebenen rund 300 Kluckener werden nunmehr als polnische Kaschuben angesehen, als die „polnischen Ureinwohner“, die davon zeugen, dass das Land immer polnisch gewesen sei. Ab Mitte der fünfziger Jahre fordern die Kluckener immer stärker ihr Recht auf Ausreise ein, erhalten jedoch kaum Genehmigungen dazu. Die aktuelle polnische Geschichtswissenschaft bewertet das heute so: „Dies war zum Teil auch auf die Wirkung vieler engagierter Verteidiger der Slowinzen zurückzuführen, die gutgläubig die Überreste der Nachkommen dieses slawischen Volkes für Polen retten wollten. Der Nachweis der Existenz der Slowinzen war damals auch aus ideologischen Gründen notwendig. Die Tatsache, dass die Slowinzen den Jahrhunderte lang andauernden Germanisierungsprozessen standgehalten hatten, bildete in den Augen der kommunistischen Machthaber eine zusätzliche Legitimation für die Westverschiebung der polnischen Grenze.“ 1957 formuliert Florian Wichlacz, Vorsitzender des Gesellschaftlichen Komitees zum Schutz der slowinzischen Sprache, die Vorstellungen zur Zukunft von Kluki: „Wir haben nicht vor, die Slowinzen zu polonisieren, wir wollen sie reslawisieren. In dieser Gegend soll ein kulturelles Reservat entstehen.“ 1958 wird beschlossen, ein Dorfmuseum in Kluki zu bauen. Man spricht dabei von einer Repolonisierung: „Ein völliges Missverständnis. Die Slowinzen waren nie Polen gewesen, ihre lang zurückliegende Herkunft war slawisch, das steht fest. Aber ihre Identität war im Jahre 1945 mit Sicherheit deutsch. 50 Jahre früher war das sicher noch nicht der Fall, 20 Jahre früher vielleicht auch noch nicht, aber 1945 verstanden sie sich selbst als Deutsche.“ Am 22. September 1963 wird das Museum von Kluki eröffnet. (Übrigens in einem Haus, welches um 1850 Ernst und Johann Reimann errichteten, zwei Enkel des Fischers Mathias Reymann.) „Die Slowinzen blieben gleichgültig. Sie beobachteten die Feier von weitem und sind auf keinem der erhalten gebliebenen Fotos zu sehen.“ 318 Exponate verzeichnet das Museum bei seiner Eröffnung – nur 19 Exponate stellen die „Slowinzen“ zur Verfügung. Dafür erstreiten diese nach jahrelangen Querelen ihr Recht auf Ausreise: 1976 verlassen die letzten – bis auf vier – ihre Heimat. Mittlerweile ist nur eine der vier  noch am Leben und wohnt im einstigen Klucken: die 1928 geborene Else Reimann, eine Ur-Ur-Urenkelin von Mathias Reymann und damit paradoxerweise nicht etwa eine Kaschubin, sondern eine Nachkommin der deutschen Siedler.


Die Idylle trügt: In den siebziger Jahren des 20. Jh. wurden viele Häuser in den Schmolsiner Klucken abgerissen. Nur drei Gehöfte sind noch original erhalten. Die anderen Gebäude des Freilichtmuseums sind neu aufgebaut, zumeist aus dem Abriss der heute nicht mehr bestehenden Selesener Klucken.


Mit dem Wegzug der alteingesessenen Bevölkerung „fand die slowinzische Frage tatsächlich eine einfache Lösung. Um das Problem endgültig abzuschließen, beschloss man Kluki und die umliegenden Dörfer in Ordnung zu bringen. Planmäßig wurden alte slowinzische Bauernhäuser abgerissen. Die Mitarbeiter des Museums führten einen regelrechten Kampf darum, dass wenigstens einige Häuser erhalten bleiben. Schließlich durften sechs Bauernhäuser in das Museum verlegt werden. In den siebziger Jahren konnte man nur versuchen zu retten, was noch zu retten war.“ So erinnert sich Henryk Soja, Leiter des Museums von Kluki. Zur Zukunft der Einrichtung: „Wir haben nicht vor, eine Idylle vorzutäuschen. Wir wollen ein möglichst wahrheitsgetreues Bild der Vergangenheit sowohl für die früheren als auch für die jetzigen Einwohner von Klucken sowie für die diesen Ort zahlreich besuchenden Touristen rekonstruieren und hoffen auf die Zukunft. Wir möchten vermeiden, dass Kluki zum zweiten mal verlassen wird.“

                                                                                                    Gerald Gräfe





1928 wurde Else Reimann als Tochter von Heinrich "Bergheinrich" Reimann (1887-1975) und Pauline Reimann, geb. Noffke (1888-1967) in Klucken geboren. Bis zu ihrem Tode im August 2008 wohnte sie in ihrem Geburtsort, zuletzt im Haus des Seefahrers Johann "Damasch´ken Johann" Damaschke (1876-1955) und seiner Ehefrau Pauline Kirk (1877-1955). Sie war die letzte Deutsche im Ort und eine Ur-Ur-Urenkelin von Mathias Reymann, der als deutscher Siedler vor über 225 Jahren in das kaschubische Dorf kam. Nach polnischer Geschichtsauffassung war sie eine Kaschubin, die letzte Kaschubin bzw. Slowinzin von Klucken. Doch davon mochte die Frau nichts hören...


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Danke, Gerald Gräfe


Danke für Ihr Interesse an Klucken. Seitdem die Gemeinde Klucken online ist - 31. 07. 2006 -, begrüße ich Sie als meinen Gast Nr.: